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Thema des Monats Dezember 2009 / Januar 2010: Himmelsstürmer































Der Dezember ist da, Weihnachten naht. Deswegen möchten wir zum weihnachtlichen Dezember ungewöhnliche filmische Denkanregung bieten. (Das Programm reicht dabei von subversiver Glaubenskritik, zur sensiblen Beschreibung des Klostererlebens, bis zum sündhaften Tun katholischer Lausbuben in Bayern oder den USA. Stets unterhaltsam, aber immer auch immer ein bisschen anders.

Die Filmgalerie präsentiert im Dezember/Januar Himmelsstürmer. Leidenschaftliche Filme, die auf etwas andere Art die Beziehung zwischen Gott, Mensch und Jenseits betrachten.

Religion, Gott, Diesseits und Jenseits. All diese metaphysischen, spirituellen Themen hat es immer im Kino gegeben. Mal stehen diese Filme in Opposition zu den Großkirchen und den von ihr vertretenen Botschaften oder Taten, mal sind sie inoffizielle Propagandisten dieser Institutionen oder sie wollen auf Basis der christlichen Kultur eine humanistische Nachricht aussenden.

So ist der berühmteste aller Weihnachtsfilme Ist das Leben nicht schön? von einem der großen Humanisten der Filmgeschichte inszeniert. Frank Capra. Wie fast alle seine Filme verströmt Ist das Leben nicht schön? eine große Wärme und eine intellektuelle Naivität im positivsten Sinne. Capra, in vielen seiner Filme auch ein sehr politischer Regisseur, vereinfacht Strukturen und Psychologien nicht um ein Kino für simple Menschen zu machen, sondern um deutlich machen, worauf es (ihm) ankommt - Nicht alles ist wichtig und der Mensch muss sich vor allem immer wieder bei ihm entscheiden. Entscheidungen können spalten, doch bei Capra führen Entscheidungen erst dazu, dass Menschen sich verstehen und im gegenseitigen Vertrauen eine Gemeinschaft aufbauen können. In Capras Oeuvre mischen sich auf sehr harmonische Weise die Philosophie christlicher Nächstenliebe mit der amerikanischen Sicht auf den Menschen als Entscheider zwischen Möglichkeiten und Chancen. Hier spricht ein links-liberales von Roosevelts "New Deal" beeinflusstes Amerika, dass trotzdem stolz christliche Traditionen und Glaubenssätze vertritt.

Zwar kein direkter Weihnachtsfilm und trotzdem durchaus als aktuelles europäisches, ja sogar deutsches Gegenstück zu Capras Meisterwerk zu sehen, ist Wer früher stirbt, ist länger tot. Wie beim amerikanischen Vorbild schafft Markus H. Rosenmüller ein in Heimat und (christliche) Traditionen verhaftetes Kino, dessen Botschaft eine allgemein humanistische ist. Was beim Klassiker die amerikanische Provinz-Kleinstadt ist, ist beim deutschen Beitrag ein bayrisches Dorf. Wenn es bei dem einen, um den Menschen als Entscheider geht, geht es beim anderen um die Vereinbarkeit von Moderne und Tradition und vor allem um unser Verhältnis zu und Verständnis von Diesseits und Jenseits. Aus der naiven Sicht eines Kindes erleben wir als Zuschauer wieder eine Vereinfachung, die keine Simplifizierung darstellt, sondern die ein Weltverstehen erlernen erst ermöglicht, ohne dabei absolute Botschaft sein zu wollen oder zu können.

Ein anderes Beispiel für einen modernen europäischen Film, der sich mit der Beziehung zwischen Gott und dem Menschen und mit der Botschaft der christlichen Nächstenliebe auseinander setzt, ist die grandiose schwarze Komödie Adams Äpfel. In ihr inszeniert Anders Thomas Jensen das Kruzifix in der Kirche oft in Anlehnung an den Klassiker Don Camillo und Peppone, doch radikalisiert er den volkstümlich-deftigen Humor des Vorbilds durch Gewaltszenen, die zwischen realistischer Drastik und comichafter Stilisierung changieren. Die Priester der beiden Filme suchen zwar beiden über den am Kreuz hängenden Jesus, den direkten Kontakt zu ihrem Herrn, doch sind sie gegensätzlich charakterisert. Steht Camillo voller Lebenserfahrung mit beiden Beinen im Leben, so sehr dass er seinen Vorgesetzten eher suspekt ist, ist der von Dänemarks Superstar gespielte Geistliche in Adams Äpfel ein für den Zuschauer kaum zu ertragener Naivling und Optimist. Camillos mit dem Kommunisten Peppone ist so getragen von herzlicher Konkurrenz um die Sache, während der dänischen Nazi, der vom Geistlichen geläutert werden soll, nur Hass und Brutalität zu zusprechen ist. Erst durch die Mittel Übertreibung und sarkastischen Ironie verwandelt Jensen seinen Stoff in ein humanistisches Märchen, das sogar die Kirchen, obwohl zum Beispiel dem Priester die Nase durch Schläge gebrochen wird, von einem großen und mehr als empfehlenwerten Film sprechen ließ. Jensen vereinbart in seinem bisher besten Film eigentlich unvereinbare Dinge, wie Brutalität und schwarzer Humor mit der christlichen Botschaft der Hoffnung und Nächstenliebe.

Doch bevor man sich zu wohl fühlt im Reich der Kirche und des Christentums, stößt man auf Filme wie Die unbarmherzigen Schwestern oder Lost Heaven und erlebt die nahezu sadistische Seiten eines rigiden kirchlichen Erziehungssysstems einmal im Irland der 60er bzw. an einer katholischen Schule in den USA der 70er. Der in Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnete britisch-irische Film porträtiert die historische Praxis im irischen Staat über fast das gesamte 20. Jahrhundert (bis 1985) minderjährige Frauen, die sich nicht an gesellschaftliche Konventionen, Regeln oder Gesetze hielten, ohne Gerichtsverhandlung in von der Öffentlichkeit abgeschnittene Magdalenen-Klosterheime zu bringen. Über die Dauer ihres Verbleibs entschied einzig und allein die katholische Kirche bzw. die die Mädchen als billige Arbeitskraft nutzende Nonnen. So kamen manche dieser Frauen nie wieder aus diesen Heimen raus. Regisseur Peter Mullan zeigt das historische Irland als einen fundamentalistischen Staat geprägt durch eine frauenfeindliche und bigotte Sexualmoral, legt dabei aber immer wieder auch Parallelen zu modernen fundamentalistischen Staaten anderer Kulturkreise offen bzw. wie nah sie uns noch sind.

Lost Heaven ist eine Coming-of-Age-Geschichte über vier Jugendliche, die auf eine katholisches Internat gehen. Sie sind in der Pubertät und entdecken ihre Sexualität und Indivualität und bewegen sich eigentlich durch ein sich liberalisierende Amerika der 70er. Doch ist ihre Kleinstadt und vor allem ihre Schule ein Hort der Bigotterie und Unterdrückung, symbolisiert durch die eindrucksvoll spielende Jodie Foster als Nonne und Schulleiterin. In der Form von Comics versuchen sich die Freunde eine Parallelwelt zu erkämpfen, in denen sie freie und starke Wesen sind, geraten aber gerade durch ihre künstlerische Expression in einen zerstörerischen Konflikt mit der Welt der Erwachsenen. Die Provinz und die Schule sind in Lost Heaven alles andere als der Himmel auf Erden.

Noch viele Filme bewegen sich in diesem Spannungsfeld aus Gott und Film, Kino und Kirche oder Humanismus und Nächstenliebe. So hat sich Krzystzof Kieslowski in seinem Gesamtwerk, dass zum Beispiel den Dekalog, also eine Bearbeitung der 10 Gebote umfasst, immer wieder mit den Themen der Ethik, der Gesellschaft und der Religion als kultureller Basis auseinander gesetzt. Der polnische Meisterregisseur wurde vom Dokumentarfilmer zum Spielfilmkünstler unter anderem aus dem Grund, umso besser versteckte ethische Konflikte im Alltagsleben aufzeigen zu können. So sind die beiden aus dem Dekalog hervorgegangenen Langfilme Ein kurzer Film über die Liebe und Ein kurzer Film über das Töten nicht nur eindrucksvoll gestaltete Appell-Filme gegen Todesstrafe und Gewalt bzw. für mehr Verständnis und Nächstenliebe, sondern in erster Linie großartige Milieustudien einer verunsicherten Gesellschaft. Zwar in der spät-kommunistischen Gesellschaft Polens gedreht sind sie als Meditationen über sich individuierende moderne Gesellschaften von zeitloser Aktualität. Wie und wo findet das Individuum Liebe, Sicherheit und Glaube an sich selbst und andere?

Damit möchte ich enden, ohne zu verschweigen, dass es noch sehr viel mehr Himmelsstürmer vorzustellen gäbe. Schaut in die Liste, um weitere zu finden, kommt in die Filmgalerie, um weitere empfohlen zu bekommen und seid im Dezember besonders aufmerksam gegenüber anderen, um vielleicht selbst kleine Himmelstürmer-Momente (der positiven Art) zu erleben.

Die Filmgalerie wünscht allen einen nicht zu hektischen Dezember, ein schönes Weihnachtsfest und einen Guten Rutsch ins neue Jahr.

Michael Leonards



Wer früher stirbt, ist länger tot
Lost Heaven
Adams Äpfel
Ist das Leben nicht schön?
Die große Stille
Dogma
Religulous
Requiem
Der Name der Rose
Die Entdeckung des Himmels
Die unbarmherzigen Schwestern
Das dritte Wunder
The Healer
Henry Poole - Vom Glück verfolgt
Dekalog
Der Mann, der Gott verklagte
Die Geschichte einer Nonne
Apostel
Der Zufall möglicherweise
Ein kurzer Film über die Liebe
Ein kurzer Film über das Töten
Eine Weihnachtsgeschichte
Don Camillo und Peppone
































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